Wenn der Wein ein Mädchen wäre…

Muratie_Riyk Melck

Ein guter Wein ist für Rijk Melck wie eine Frau, die man erst kennenlernen muss, um ihre wahre Schönheit zu erkennen. Seit fast 30 Jahren lebt der Arzt und Eigentümer des südafrikanischen Weingutes „Muratie“ für den Weinbau. Während seines Besuchs in Hamburg hat DELINERO mit ihm über seine Leidenschaft für die Traube, Nostalgie und „Klasse statt Masse“ gesprochen…


 Herr Melck, nehmen Sie uns doch einmal mit auf einen Spaziergang über ihr Anwesen…

Sie werden sich bei uns in der Zeit zurückversetzt fühlen, denn wenn man über unser Gut spaziert, fühlt man sich, als hätte jemand die Stopptaste gedrückt. Seit den 40er Jahren steht die Zeit still auf unserem Gut, da wir das Glück hatten, das Anwesen 1987 unverändert übernehmen zu dürfen. Im kleinen Keller können Besucher immer noch die Spinnweben, alten Tische und den Originalboden von 1950 bewundern. Wir sind also das genaue Gegenteil von all den Weingütern, die momentan überall wie Pilze aus dem Boden sprießen, denn diese neuen Kellereien sind eher architektonische Statements von Bankern, die ihr Geld nutzen, um ihren persönlichen Traum zu leben. Ich denke, der Besuch dieser neuen Weingüter ruft Ehrfurcht vor ihrer Größe hervor und hinterlässt den Besucher mit einem etwas mulmigen Gefühl. Unsere Gäste dagegen können sich ganz entspannt umsehen. Muratie ist eben eine richtige Farm, auf der man Erde und Wein buchstäblich riechen kann.

Dieser nostalgische Charme scheint  sich durch die gesamte Arbeit von Muratie zu ziehen. Weshalb spielt die Vergangenheit auf Ihrem Gut eine so wichtige Rolle?

Ich denke, es geht vor allem um die Geschichte, mit der unser Weingut verbunden ist. Schon ein Blick auf unsere Homepage macht deutlich, dass jeder einzelne Wein eine Geschichte erzählt. So habe ich zum Beispiel jeden Wein nach einer Persönlichkeit benannt, die eine wichtige Rolle in der nun schon drei Jahrhunderte andauernden Historie unseres Weingutes spielte. So sind die Weine unzertrennlich mit der Geschichte von Muratie verknüpft – und die Leute mögen das. Sowohl die Geschichten, als auch die Qualität unserer Weine.

Apropos Qualität – oft wird Winzern ein eigener Stil bei der Weinherstellung nachgesagt. Lassen sich auch die Weine von Muratie einem bestimmten Stil zuordnen?

Wie ich bereits sagte, ist Muratie sehr eng mit seiner Geschichte verbunden – von 1695 bis heute. Dieser historische Hintergrund bringt eine gewisse Tradition und Klassik mit sich, der sich die Weine anpassen müssen. Ich kann also nicht plötzlich daherkommen und einen ausgefallenen Wein komponieren. Um es mal etwas bildlicher zu sagen: Wäre der Wein, den ich mache, ein Mädchen, dann trüge es keineswegs einen Minirock, sondern Bleistiftrock und Brille. Man würde sie zwar wahrnehmen, doch erst wenn man sich mit ihr auseinandersetzt, würden ihre Attitüde und Persönlichkeit deutlich. Dasselbe gilt für Weine: Es geht um mehr als Eleganz oder Struktur. Wein erzeugt Emotionen! Es ist nicht bloß eine Explosion von Frucht und Alkohol. Das ist für mich der wichtigste Grundsatz bei der Weinherstellung.

Wenn Wein ist wie eine Frau, braucht er sicher genauso viel Zuwendung…

Ja, das stimmt. All unsere Weine sind handgemacht. Wir verwenden keine Maschinen für die Ernte. Wir beschneiden die Reben selbst und pflücken auch von Hand. Bevor das geschieht, analysieren wir jeden Wein und kontrollieren, ob genügend Blätter vorhanden sind. Ist dies nicht der Fall, ernten wir nicht. Das heißt, wir setzen die Trauben keinem Stress aus. Das ist das Großartige an gutsabgefüllten Weinen – wenn die Bedingungen nicht stimmen, bauen wir auch keine Trauben an. Wir richten uns klar nach Qualitätsmerkmalen. Früher pflegten die Bauern zu sagen, je mehr Ernte ein Weinbauer einfährt, desto besser ist er. Heute kannst du problemlos mit sieben statt zwanzig Tonnen Trauben pro Hektar Erfolg haben. Denn es geht mehr um die Ausgewogenheit und die Frucht selbst als um die Masse.

Nicht nur der Weinbau ist für Sie eine Kunst – bei Muratie spielt auch klassische Kunst eine wichtige Rolle. Was hat es mit diesem kreativen Aspekt des Gutes auf sich?

Schon meine Mutter und Großmutter waren ganz versessen auf Kunst – ich denke, ich habe diese Leidenschaft übernommen. Und als wir nach Muratie kamen, stießen wir bei Recherchen auf die Geschichte des Malers George Paul Canitz, dem das Gut von 1927 bis 1958 gehörte. Das war wundervoll, weil es genau das war, wovon wir –  und speziell meine Mutter – immer geträumt hatten. Wir fanden heraus, das Canitz in Leipzig geboren wurde und nach einem Kunststudium in Paris und einiger Zeit in Hamburg wegen einer Atemwegserkrankung nach Deutsch-Westafrika reiste, wo er sich Besserung durch die trockene Luft erhoffte. Eine Anstellung als Professor an der Kunsthochschule in Stellenbosch führte ihn nach Muratie, wo er fortan seine Bilder malte. Ich habe sein ehemaliges Atelier zu einem Gästehaus gemacht, das ich demnächst als Residenz für Künstler nutze, die für eine gewisse Zeit kostenlos bei uns wohnen können, um sich über sich und ihre Kunst klar zu werden. Alles, was ich als Gegenleistung erwarte ist ein Kunstwerk –  sie müssen nur malen! Außerdem veranstalten wir jedes Jahr eine Kunstauktion mit Bildern einer befreundeten Künstlerin, deren Erlöse in Kinder- und Jugenschutzorganisationen in den Townships fließen. Letztes Mal konnten wir etwa 25.000 EUR spenden. Mit Muratie möchte ich der Kunst einen Platz geben, denn mit Canitz ist sie ein Teil des Gutes.

 

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“ It’s the smooth bouquet that counts – drink Muratie wines made from the finest grapes, ripened in the South African sun. Every drop in your glass is full of flavour and strength; it gladdens the heart and loosens the tongue. It is the strength of a pure wine that enables you to face care and trouble with a lighter heart and so quickly dissipate that feeling of depression.“ Georg Paul Canitz

 

 

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