Alles nur geklaut?

Es ist April und damit Zeit für ein neues besonderes Produkt! In Kooperation mit essen & trinken präsentieren wir diesen Monat einen fleischgewordenen Kult aus Amerika: das Pastrami! Von jüdischen Einwanderern in die USA importiert, sind die rumänischen Wurzeln der Delikatesse keine allzu große Überraschung. Doch wie steht es um den Migrationshintergrund unserer „typisch“ europäischen Kreationen? Woher stammen Currywurst, Croissant und Co. tatsächlich? Haben wir es womöglich mit „blinden Passagieren der Kulinarik“ zu tun? Eine historische Schnitzeljagd durch Europas Esskultur.


Das Croissant

Delicious coffee with sweets on a wooden table

Es ist fluffig, krümelig und ein absoluter Exportschlager: das Croissant. In aller Welt repräsentiert das süße Blätterteig-Brötchen die (Ess-) Kultur der Franzosen. Doch lange Zeit war man sich uneins über Herkunft des krümeligen Kaffeebegleiters. So munkelte man, das sichelförmige Teigteilchen sei dem Boykott einer türkischen Invasion durch wachsame Bäcker zu verdanken, die das Vorhaben der Türken, einen Tunnel unter die Stadtmauer zu graben, während der Arbeit in den frühen Morgenstunden entlarven und verhindern konnten. Zur Feier des Tages sollen die Konditoren ein Gebäck in der Form des türkischen Halbmondes gebacken haben. Die Geschichte – die sich übrigens nicht in Paris, sondern in Wien zugetragen haben soll – wird von Kulturhistorikern jedoch aufs Heftigste bestritten. Wahrscheinlicher ist die Theorie, der Kipferl gelangte durch die Heirat Marie Antoinettes, der Erzherzogin von Österreich, in das Land des Savoir-vivre. Nun ja, Herkunft hin oder her – das Croissant gehört zu Frankreich, wie der Eiffelturm an die Seine. Und das ist auch gut so.


Die Paprika

chili peppers

Ungarn und Paprika gehören zusammen wie Pech und Schwefel. Oder etwa nicht? Sogar der Balkan-Beats-Musiker Shantel betitelte sein Album als „Planet Paprika“ – sollten er und der Rest der Welt sich etwa täuschen? Es scheint wohl so, denn der Ursprung der Liebesgeschichte zwischen Nation und Nachtschattengewächs geht auf  die Zeit des Christoph Kolumbus zurück, dessen Arzt die Paprikasamen aus der „neuen Welt“ nach Europa brachte. So kam es, dass die Osmanen das Gewächs während der Besatzung Ungarns im 16. Jahrhundert unter strenger Bewachung in ihren Hinterhöfen züchteten. Den Einheimischen hingegen war dies bei Todesstrafe verboten. Doch die Liebe siegte und die Paprika etablierte sich über die Jahrhunderte als essentielles Gewürz der ungarischen Kulinarik. Doch damit nicht genug! Das vielseitige Nachtschattengewächs verhalf seiner Heimat auch jenseits des Kochtopfes zu Weltruhm. So entdeckte der ungarische Wissenschaftler Albert Szent-Györgyi 1937 das Vitamin C in der Paprika und gewann für seine Arbeit nichts Geringeres als den Nobel-Preis!


Das Hot Dog

Hot Dog

Der Dänemark-Urlaub steht an, was wird wohl auf der Speisekarte stehen? Klarer Fall: das Hot Dog. Zwischen zwei weißen Brötchenhälften prangt die leuchtend rote Wurst, kunstvoll bedeckt mit Gewürzgurken, Röstzwiebeln und jeder Menge Sauce. Doch es waren keineswegs die Dänen, die als erste „auf den Hund gekommen sind“. Vielmehr war es der Frankfurter Metzger Johann Georg Hehner, der 1487 das heutige Hot Dog erfand. Populär machte ihn jedoch erst der Hannoveraner Charles Feltman – 1867 in Brooklyn. Als gelernter Kuchenverkäufer kam Feltman auf die glorreiche Idee, eine Grillwurst in ein Brötchen zu stecken und diese mittels Bauchladen an Passanten zu verkaufen. Der Erfolg gab ihm Recht: Das Hot Dog  legte eine so steile Karriere hin, dass aus dem Bauchladen ein Restaurant und aus Feltman ein Millionär wurde. Doch die Dänen kommen selbstverständlich auch zu ihrem Recht. Die Zubereitungsweise mit Gurke, Zwiebel, Rød pølse und Remoulade geht zu hundert Prozent auf ihr Konto. Es steht also fest: Das Hot Dog ist nicht nur lecker, sondern auch ein köstliches Symbol der deutsch-dänischen Freundschaft!


Die Currywurst

Fliegende Currywurst

Würzig, scharf und immer eine Sünde wert: die Currywurst. Besungen, beschrieben und international gehuldigt, gehört die in Currysauce gebettete Wurstspezialität zur Top 3 der deutschen Fastfood-Klassiker. So wundert es wenig, dass seit 1993 ein erbitterter Konkurrenzkampf um das gottgleich gefeierte Fleischprodukt herrscht. Wer also seit der Lektüre Uwe Timms, „Die Entdeckung der Currywurst“, über die Kulturgeschichte der Currywurst Bescheid zu wissen glaubt, der ist einem schriftstellerischen Taschenspielertrick auf den Leim gegangen. Zwar errichtete man der Protagonistin der Novelle, Lena Brücker, am Hamburger Großneumarkt sogar eine Gedenktafel, im deutschen Currywurst-Museum in Berlin ist jedoch nachzulesen, dass die Currywurst ihren Ursprung jenseits der Hansestadt haben soll. Mit dem Herta-Heuwer-Raum wird hier einer anderen Currywurst-Erfinderin gehuldigt. Die Besitzerin einer Imbissbude soll 1949 in Westberlin die erste Version der Currywurst verkauft haben. Doch auch diese Ursprungsgeschichte scheint dem Bedürfnis nach Heldenverehrung geschuldet zu sein, denn sie enthält nicht die ganze Wahrheit. Tatsächlich geht die Entstehung des scharf gewürzten Wurstklassikers nicht allein auf die Berliner Wurstverkäuferin, sondern außerdem auf den Fleischer Max Brückner und den kriegsbedingten Mangel an Naturdarm zurück. Man wird wohl nie eindeutig klären können, wer den Geistesblitz, eine gestückelte Bratwurst mit scharfer Tomatensauce zu servieren, als erster umsetzte. Doch ganz gleich ob Hansestadt oder Berlin, die Currywurst schmeckt immer. Denn wie wusste schon Herbert Grönemeyer zu singen?

„Gehste inne Stadt, wat macht dich da satt? ‚Ne Currywurst. Kommste vonne Schicht, wat schönret gibt et nich als wie Currywurst!“

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