Fast verschwunden, aber nicht vergessen – die „echte“ Tomate kehrt zurück

Es war einmal vor langer Zeit in einem fernen Land, da trugen Tomaten noch Namen wie Froschkönigs Goldkugel, Schwarzer Prinz oder Ochsenherz. Was wie ein Märchen der Gebrüder Grimm klingt, ist Lebensmittelgeschichte. Seit große Supermarktketten die Auswahl im Regal bestimmen, sind viele der alten Sorten still und heimlich vom Markt verschwunden. Die Einkäufer fordern genormte Gleichförmigkeit, denn Individualität gilt als unverkäuflich beim Konsumenten. Von wegen, dachten sich die Aktivisten der Arche Noah, einer österreichischen Gesellschaft zu Erhaltung von Kulturpflanzen, als sie 1989 begannen Saatgut vor dem Aussterben zu bewahren. Die Bewegung fand schnell Anhänger.

Tomate

„Ich fragte mich, warum nur geschmacklose Tomaten in den Supermärkten angeboten werden. Der Gedanke, alte Sorten zu erhalten, zu verbreiten und vor allem zu schmecken, ließ mich nicht mehr los“, sagt Günther Maierhofer über die Geburt seiner Vision. Kurz darauf bestellte der gelernte Versicherungsmakler Samen bei der Arche und pflanzte auf seinem Balkon Tomaten.

Auf die ersten Blumentöpfe folgte ein Gewächshaus, in dem Maierhofer rund 1.000 Tomatenpflanzen pflegte. Jeden Freitag kochte er aus seiner Ernte Sugo, schnippelte Tomatenwürfel für Bruschetta und kreierte fruchtig süße Chutneys. „Gerade die alten Sorten sollten entweder gleich am Erntetag oder spätestens nach zwei Tagen verarbeitet werden, da sie nicht so lange haltbar sind wie die hochgezüchtete Supermarktware“, erklärt Maierhofer. Seine kleinen Köstlichkeiten verkaufte er anfangs an Verwandte und Bekannte im niederbayerischen Landshut oder kleine Läden mit regionalem Sortiment.

Was als Hobby begann, entwickelte sich zu einer echten Leidenschaft, die mittlerweile auch finanziellen Erfolg verspricht. Unter dem Namen Tomate7 vertreibt der „tomatophile“ Hobbykoch bis zu 45.000 Gläser seiner Dips, Chutneys und Saucen pro Jahr. Jede seiner sechs alten Sorten versucht Maierhofer so zu verarbeiten, dass ihre individuellen Geschmackseigenschaften dominieren.

Die Sorte „Green Zebra“ schmeckt beispielsweise nach frischer Melone und eignet sich daher besonders gut für ein fruchtiges Chutney. Der Hüter des guten Geschmacks setzt nur eine schmale Auswahl an Gewürzen wie langem Pfeffer, Knoblauch, Chili, Ingwer, Senf und verschiedenen Kräutern ein. Auf künstliche Aromen oder Zusatzstoffe verzichtet der Träger eines Bio-Zertifikats bewusst.

Von Ende Juli bis September ist Tomatenernte. „Die Angst vor einem Ernteausfall schwang immer mit, denn die Tomate ist ein schwieriges Pflänzchen“, sagt Maierhofer, der mittlerweile die Tomatenzucht regionalen Bio-Bauern überlässt. Er selbst konzentriert sich auf den Vertrieb der Tomaten, managt seinen Online-Samenshop und kreiert mal eben zwischendurch eine Barbecue- Sauce für einen namhaften Hersteller. Alles streng geheim.

Tomate7_Banner

Die große Politik im kleinen Keim

Die führenden Saatgutkonzerne Monsanto, DuPont und Syngeta kontrollieren weltweit einen Marktanteil von 75 Prozent. Sie konzentrieren sich auf die Entwicklung von Hochertragssorten, die unprofitable Arten stetig verdrängen. Mit dieser Politik gelang es den Konzernen im Jahr 2012, insgesamt 44 Milliarden US-Dollar zu erwirtschaften; Tendenz steigend. Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich dadurch die Diversität der Pflanzensorten um fast 80% verringert. Die neuen High-Tech Sorten aus dem Labor sind jedoch meist anfällig für Schädlingsbefall und Pflanzenkrankheiten. Die Industrie verdient daran mit, denn Agrarchemie und Saatgut-Produktion gehen Hand in Hand. So ist seit den 1950er Jahren der Pestizideinsatz um das Fünfzigfache gestiegen.  Vereine wie die Arche Noah steuern der Gleichschaltung auf dem Acker und zunehmenden Umweltschäden entgegen. Doch auf dem Feld wird dieser Kampf nicht entschieden, denn Parlamente und Verhandlungstische bestimmen letztlich über Beet und Markt. Die Aktivisten der Arche Noah setzen sich mutig für Artenvielfalt, gesunde Ernährung und die Rechte kleiner Betriebe ein.

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