Aus Liebe zum Bier: Interview mit BERTINCHAMPS

Brasserie Bertinchamps - Famille Humblet (1)

Einst war Bier brauen eine elitäre Angelegenheit von Mönchen und Klöstern, doch diese Zeiten sind vorbei. Bei den Humblets ist die Verarbeitung von Hopfen und Malz eine reine Familiensache. Jeder packt hier mit an, um eines der besten Biere Belgiens zu kreieren. Und das machen sie nicht irgendwo, sondern auf einer Farm aus dem 14. Jahrhundert. Und so trifft bei Bertinchamps altehrwürdiges Gemäuer seit Braubeginn 2013 auf innovative Techniken mit traditionellen Rezepturen. Eine spannende Kombination, die es zu entdecken gilt! Im Gespräch berichtet uns der belgische Tausendsassa Jean-Philippe Humblet, der vor allen Dingen für den Verkauf zuständig ist, weshalb ihm das Bier(brauen) im Blute liegt, was er die nächsten 15 Jahre vor hat und warum er seine Hoffnungen in einen baufälligen Bauernhof steckt.

Ihr Vater Benoit Humblet hat 2011 ein altes Farmhaus aus dem 13. Jahrhundert gekauft, in der Sie heute Ihre Brauerei betreiben. Wie war es, an diesem besonderen Ort Ihr Unternehmen zu starten?

Nach dem Verkauf unserer vorherigen Brauerei haben wir nach einem neuen Ort gesucht und fanden Bertinchamps im Netz und haben uns gleich verliebt: Abgelegen und umgeben von Feldern an einer alten Straße, die es seit den Römern gab, stand da dieses Haus, das ganz viel Platz für unsere Ausstattung und unsere Geschichte bot. Wir lieben alte Backsteinhäuser und wollten auf keinen Fall in ein modernes Industriegebiet.
Aber um Bertinchamps hatte sich halt auch niemand gekümmert – seit 15 Jahren! Die Wände waren auf dem besten Wege zusammenzubrechen. Wir begannen also mit einer Komplettrenovierung und machen dabei vieles selbst: Mit Zement und Ziegelsteinen haben wir Wände hochgezogen und werden auch noch lange daran arbeiten müssen. 20 Jahre Arbeit müssen reingesteckt werden, seit fünf Jahren sind wir dabei, also 15 Jahre noch.
Das ist natürlich auch eine Reise für die ganze Familie: Wir kreierten eine neue Marke, neue Rezepte, stellten neue Flaschen her (unser Bier ist das einzige belgische Bier in einer 50 cl-Flasche), brauchten neue Etiketten, eine neue Ausrüstung, wobei wir da auf eine aus Deutschland gesetzt haben… alles war superaufregend und es hat erst mal zwei Jahre gedauert, bevor wir im Mai 2013 das erste Mal brauen konnten.

Bertinchamps ist ein richtiges Familienunternehmen. Welche Aufgaben übernehmen Sie? Und wie unterscheidet sich so ein Familienunternehmen eigentlich von „normalen“ Unternehmen?

Schauen Sie sich meine Visitenkarte an: ‚Sohn eines Bierbrauers‘. Was für ein Titel! In unserer Brauerei bin ich für den Export und die Verkäufe in Belgien verantwortlich. Ich bin ein Jurist, bin also kein gelernter Brauer und überlasse das auch lieber meinem Vater, der seit 36 Jahren Braumeister ist. Heute ist es mein Bruder, der das Handwerk lernt und ich lerne wiederum von ihm für die nächste Generation (lacht).
In einem Familienunternehmen zu arbeiten ist dabei etwas anderes, weil der Job nicht genauestens festgelegt ist. Deshalb schwirre ich auch in vielen anderen Bereichen herum und bin gerne Gast bei der Abfüllung oder begrüße Gäste, die uns besuchen, helfe im Restaurant aus, beliefere Läden und arbeite an unserem neuen Zuhause: fälle Bäume oder führe Reparaturarbeiten an den Gebäuden aus. Jeder macht hier alles.

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Und wird dabei viel gestritten oder sind Sie immer einer Meinung?

Ich habe drei Geschwister, und wenn wir uns mit unseren Eltern treffen, dann wird viel diskutiert, weil natürlich jeder seine eigene Sicht auf die Dinge hat. Aber am Ende konnten wir uns bislang immer auf eine Position einigen. Das Problem ist dabei eher, dass wir sieben Tage die Woche arbeiten und Bertinchamps natürlich auch immer das Thema ist, wenn wir mit unseren Familien zusammen sind. Deshalb haben wir für 2016 auch einen besonderen Neujahrsvorsatz: andere Gesprächsthemen am Esstisch. Gar nicht so einfach…

Was bedeutet Familie und Tradition für Sie?

Die Familie ist sehr, sehr wichtig für mich und das liegt auch an meiner Erziehung: Sich gegenseitig zu respektieren und sich zu helfen, das stand immer im Fokus.
‚Tradition‘ ist das Beste aus dem zu machen, was einem andere gegeben haben – und es so gut wie sie zu machen, sich aber auch nicht vor technischen Innovationen zu scheuen. Wir stellen traditionelles belgisches Bier her, pures Malz und Hopfen und haben uns deshalb für eine 50cl-Flasche entschieden mit einem nostalgischen Design.

Ist Tradition heutzutage ein seltenes Gut?

Ich glaube, dass die Menschen heute zur Tradition zurückfinden. Lange galt sie als desuet, also überholt, doch heute liegt sie definitiv wieder im Trend.

Lassen Sie uns über Klischees reden. Was antworten Sie auf…

…kulinarisches Belgien – da sind Waffeln, Schokolade, Pommes… aber Bier? Belgien ist ein Bier-Paradies (lacht). Wir sind definitiv stolz darauf, eine belgische Brauerei zu sein, das ist auch der Grund, warum man ein großes B auf dem Etikett finden kann.
…nur Männer trinken Bier. Definitiv nicht nur. Immer mehr Frauen haben zum Bier gefunden und die Zahlen steigen weiterhin. Gerade Craft-Brauereien liegen voll im Trend – auch bei den anspruchsvollsten Frauen-Gaumen.
…Bier ist schwer und wenig elegant. Bier ist wirklich komplex und vermag es auch immer wieder, einen zu überraschen. Unbedingt mal ein Bertinchamps probieren, wenn man bislang so gedacht hat!
…Bier wird niemals denselben Status wie Wein erlangen. Anders als Wein muss Bier nicht vier Jahre im Keller lagern, bevor man es endlich trinken kann…
…all die kleinen Craft-Brauereien werden früher oder später von den großen Unternehmen aufgekauft. Wir spielen definitiv nicht in derselben Liga. Unser Ziel ist es deshalb auch, unabhängig zu bleiben und ein Familienunternehmen. Meine Tochter ist jetzt zwei Jahre alt und ich hoffe, dass sie in 25 Jahren in der dritten Generation hier die Brauerei unterstützen wird.

Okay, genug der Klischees. Reden wir lieber über Bier: Warum sollte man das
Bertinchamps unbedingt Zuhause haben?

Wir stellen ein Bier her, das für gute AM_Bertinchamps_Location_0153Momente sorgt und dass man gerne mit Familie und Freunden genießt. Und im Geschmack ist es wirklich was anderes und nicht zu vergleichen mit dem gewöhnlichen Pils. Dabei ist es sehr leicht, was natürlich gefährlich werden kann (lacht).

Was ist das Besondere am Bertinchamps?

Reinen Hopfen und Malz, keine Zusatzstoffe oder Gewürze – so entsteht eine tolle Balance, die auch unser Know-how widerspiegelt. Wasser, belgisches Malz, belgische Hefe und Hopfen aus Deutschland und der Tschechischen Republik werden zu einem runden Bier vereint.

Was uns gleich aufgefallen ist: Alle Ihre Biere haben einen weitaus höheren Alkoholgehalt als die üblichen 5 Prozent. Wie kommt das?

Unsere Biere werden hoch fermentiert und sind in unseren Augen sehr speziell. Im Herstellungsprozess bedeutet das, dass wir eine höhere Dichte nach dem Brauen in der Bierwürze brauchen, um so mehr Alkohol nach der Fermentation zu haben.

Hilft die wachsende Craft-Bier-Szene den kleinen Brauereien oder ist es durch die Vielzahl der neuen Biere schwierig, sich auf dem Markt zu etablieren?

Ich bin sehr glücklich darüber, dass sich Craft-Bier auf der ganzen Welt ausbreitet. Es gibt so viele Rezepturen, so viele Möglichkeiten, dass man nie zwei Biere finden wird, die genau gleich schmecken. Wir kooperieren zudem mit vielen Brauereien und so entsteht auch oft das Gefühl, dass es sich um eine große Familie handelt.

Wollten Sie schon immer in einer Brauerei arbeiten?

Ich habe ja Jura studiert und war eigentlich immer mit der Bierindustrie verbunden. So wusste ich auch, dass ich eines Tages in diese Sparte zurückkehren würde. Als mein Vater sich dann dazu entschloss, Bertinchamps zusammen mit uns zu gründen, wusste ich, dass die Zeit reif war.

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Wann haben Sie das erste Mal Bier getrunken? Erinnern Sie sich noch an die Marke?

Meine Eltern erzählen mir immer, dass schon in meiner Flasche als Baby Bier gewesen sei. Das wäre dann in der Zentralafrikanischen Republik gewesen, wo mein Vater in einer großen Brauerei gearbeitet hat. Es müsste dann ein Mocaf gewesen sein. Aber ob sie da die Wahrheit sagen? Wer weiß… (lacht)

Und Zuhause? Trinken Sie da immer das eigene Bier oder versuchen Sie immer auf dem Laufenden zu sein, was neue Biersorten angeht?

Ich versuche, viele neue Biersorten zu probieren und zu verstehen, was den Leuten an dieser und jener Sorte gefallen könnte. Aber es gibt ja so viele Sorten, dass ein Leben nicht genug ist, um sie alle zu probieren. Unterwegs trinke ich immer lokal hergestelltes Bier, aber bei mir zu Hause biete ich meinen Gästen immer Bertinchamps an, wenn ein Wein oder andere Drinks nicht besser passen.

Von Bier einmal abgesehen: was bestellen Sie an einer Bar?

Zu einem guten Essen mag ich einen tollen Wein, schätze aber auch einen guten Gin oder Whisky.

 Das herrliche Bier von Bertinchamps findet ihr hier!

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