Wein verstehen – Schluck für Schluck zum perfekten Tasting

Jetzt wird getrunken – aber richtig!

Aufgrund ihrer schier unendlich erscheinenden Größe und der unglaublichen Vielfalt wirkt die Welt der Weine auf den ersten Blick immer etwas verschlossen. Irgendwie unnahbar und voller Geheimnisse. Und ja, die vielen Aromen und unterschiedlichen Anbaugebiete können gerade für Wein-Neulinge abschreckend wirken. Die manchmal schon mystifizierenden Beschreibungen selbsternannter Weinkenner helfen da auch nicht wirklich weiter – im Gegenteil. Ganze Obst- und Gemüsekörbe werden da manchmal aus einem Wein heraus analysiert. Sind diese Beschreibungen nun übertrieben? Ganz klar: Jein! Denn jeder Wein ist anders und es gibt durchaus komplexe Weine, die vielschichtige Aromen in sich tragen. Doch wie erkennt man diese? Ganz einfach: viel trinken! Denn das Schöne beim Wein ist: Probieren geht über Studieren! Nur durch viel kosten werden die Geschmacksnerven trainiert und Unterschiede kommen stärker zum Vorschein.

Deshalb sagen wir: Ran an die Flaschen und raus mit dem Korken – jetzt wird getrunken! Doch wer Wein nicht nur als ein zungenlösendes Partygetränk konsumieren möchte (nicht, dass dagegen irgendetwas einzuwenden wäre), der sollte bei der Verkostung ein paar Regeln beachten, die eine Beurteilung einfacher und vor allem vergleichbar machen. Wir haben hier ein paar Tipps und Anweisungen zusammengestellt, die euch bei der nächsten Weinverkostung nicht mehr wie ein Fragezeichen neben dem Glas stehen lassen.

Und die wichtigste Regel gleich vorweg: Beim Weinverkosten gibt es kein richtig und falsch. Jeder Mensch schmeckt anders und ist anders empfindlich. Das gilt auch für Wein. Am Ende soll euch der Wein schmecken und gefallen. Punkt.

 

1. Vorbereitungen

Der Raum

Bevor ihr aber nun wirklich zum Glas greifen dürft, solltet ihr darauf achten, dass der Raum frei ist von Fremdgerüchen wie vom Kochen oder durch zu starkes Parfüm. Das lenkt nur ab und verfälscht den Eindruck. Zudem sollte der Raum ausreichend hell sein, damit ihr die Farbe des Weins gut erkennen könnt. Denn die ist durchaus wichtig und sagt schon viel über den Wein selbst aus (dazu später mehr).

Das Glas

Ein zu kleines Glas oder eine falsche Form kann das Aroma entscheidend beeinflussen. Es braucht kein teurer kristallenes Gefäß für eine Weinverkostung sein, ein mittelgroßes handelsübliches Weinglas reicht vollkommen. Wichtig ist: Bei einer Probe am besten für jeden Wein das gleiche Glas nehmen, so werden die Weine besser vergleichbar.

Zubehör

Man mag sich am Anfang vielleicht ein bisschen albern vorkommen, aber es ist wichtig, sich bei einer Verkostung Notizen zu machen. So erinnert man sich später besser daran zurück und kann auch nach vielen Weinen noch gut Vergleiche ziehen. Neben Zettel und Stift braucht es auch noch Wasser (zum Ausspülen des Glases oder als antialkoholischer Schluck für zwischendurch) und etwas Brot. Das Brot neutralisiert den Geschmack zwischen den Weinen und hilft, den aufkommenden Hunger zu stillen. Und auch wenn es grausam erscheint: Bei einer Weinverkostung sollte immer ein Spuckgefäß bereit stehen. Dies kann ein kleiner Eimer oder eine große Schale sein.

Wenn man viele Weine hintereinander probiert, dann würde das Urteilsvermögen doch schnell eingeschränkt sein, würde man jeden guten Tropfen trinken. Den Wein auszuspucken ist also keine Schande oder eine Entwertung. Vielmehr notwendiges Übel.

2. Optischer Eindruck

Um die Farbe des Weins gut beurteilen zu können, das Glas nicht zu voll gießen. Ungefähr ein Drittel reicht vollkommen aus (Nachgießen ist schließlich auch hier immer möglich).

Haltung bewahren

Um die Farbe gut zu erfassen kann man das Glas leicht neigen und leicht drehen. Es ist außerdem ratsam, es vor ein weißes Blatt Papier zu halten. So verfälscht die Optik nicht und es werden (gerade bei Rotwein) deutliche Farbunterschiede an den Rändern sichtbar.

Klarheit

Die Farbe bei einem Wein zu bestimmen ist nicht einfach nur nettes, visuelles Beiwerk, sondern sie kann schon ein Indiz dafür sein, ob er verdorben ist (zum Beispiel bei einer matten oder trüben Farbe). Auch sagt die Farbe etwas über das Alter des Weines aus. Ein junger Wein ist in der Regel purpurfarben (bei  Rotwein) oder strahlend gelb (bei Weißwein). Ein Wein mit etwas höherem Alter ist dagegen orange bis granatrot oder zeigt ein intensives und dunkles Gelb.

Die Farben

Die Farbpalette von Reb-Erzeugnissen ist breit gefächert und wird auch oft wild umschrieben. Um die Weine vergleichbar zu machen, gelten grundsätzlich folgende Farbskalen:

Weißwein: zitronengelb, goldgelb, bernstein

Rosé: hellrosa, lachsfarben, orange

Rotwein: purpurrot, rubinrot, granatrot, braunrot

 

3. Geruch

Schwenken

Um das volle Aroma eines Weines wahrzunehmen, empfiehlt es sich, das Glas ein wenig zu schwenken. Hier zahlt sich aus, wenn man beim Eingießen nicht zu gierig war, denn ist das Glas zu voll, schwappt gerne mal etwas über den Rand. Wer über eine ruhige Hand verfügt, kann das Glas in der Luft schwenken (siehe Foto). Es ist aber auch keine Schande das Glas auf den Tisch zu stellen, zwei Finger auf den Fuß zu legen und nun den Wein und all seine Aromen mit kleinen kreisenden Bewegungen in Wallung zu bringen.

Wine_testing_01_swirl_DSC8186

Wer sich noch ein wenig gedulden kann, der achtet beim Schwenken einmal auf die so genannten Tränen, die sich am Rand bilden, denn diese sind ein guter Hinweis auf den Körper des Weines. Faustregel: Je träger und dicker die Schlieren, desto mehr Alkohol und Körper hat der Wein.

Um die Aromen voll aufzunehmen, ist es ratsam, die Nase dicht über oder sogar in das Glas zu halten und tief einzuatmen. Man kann auch mehrere kurze Züge nehmen.

Wine_testing_02_sniff_DSC8333

Ist der Wein sauber?

Zuallererst ist es wichtig festzustellen, ob der Wein „sauber“ ist. Hier ist das Bauchgefühl ein guter Begleiter. Riecht der Wein muffig, nach nasser Pappe, Essig oder Reinigungsmitteln, dann stimmt etwas nicht. Wer sich unsicher ist, nimmt einen kleinen Schluck oder lässt den Wein etwas stehen. Manche anfangs starken Aromen werden mit der Zeit weicher. Im Zweifelsfall gilt aber, so schade es auch ist: Weg damit!

Die Aromen

Sollte der Wein „sauber“, also reintönig sein, dann geht es an die vielfältige Welt der Aromen. Und nicht nur für Anfänger gilt hier: Von groß nach klein denken. Das heißt zunächst zu versuchen, das Offensichtliche zu ergründen. Beim Wein sind das meist die verschiedenen Fruchtaromen. Dies können zum Beispiel Beeren, Zitrusfrüchte oder Steinfrüchte sein. Auch florale oder pflanzliche Aromen sind oft präsent. Die oft als sekundäre Aromen bezeichneten Gerüche wie Hefe, Käse, Nuss, Rauch, Vanille, Tabak oder Leder sind manchmal etwas subtiler und lassen Rückschlüsse auf den Weinbereitungsprozess zu.

Intensität

Wer bei dem ersten „Zug“ nicht wirklich viel riecht, dessen Nase muss nicht gleich den Dienst eingestellt haben, es ist auch möglich, dass der Wein einfach ein zurückhaltendes Aroma hat. Um auch einen schüchternen Wein aus seiner Ecke hervorzuholen kann man das Glas noch einmal schwenken und dabei mit einer Hand zudecken. Nimmt man dann ruckartig die Hand vom Glas, kommen die Aromen noch intensiver in die Nase.

 

4. Geschmack

Wine_testing_03_drinking_DSC8278Wine_testing_04_prepare_DSC8273_1

Den Wein kauen

Nun ist es endlich soweit! Genug geschwenkt und geschnüffelt. Jetzt geht es ans Trinken. Doch auch hier gilt wieder: Die Technik macht den Unterschied! Um die Aromen und den Geschmack des Weines am besten aufzunehmen, sollte man einen kräftigen Schluck in den Mund nehmen – oder besser gesagt schlürfen. Gelangt zusammen mit dem Wein auch noch etwas Luft mit in die Mundhöhle, so werden die Aromen besser freigesetzt. Zudem ist noch etwas Platz, um den Wein mit der Zunge hin- und her zu bewegen, zu „kauen“. Jeder macht dies etwas anders. Wichtig ist, dass der Wein einmal durch den gesamten Mund wandert und dabei alle unsere Geschmacksknospen benetzt.

Geschmack

Manchmal  wiederholen sich die Aromen im Bouquet auch auf der Zunge, doch es können sich noch viele weitere Geschmacksausprägungen und Variationen zeigen. Wie schon anfangs gesagt, ist der Geschmack eines Weines höchst subjektiv, doch es gibt einige Komponenten, die das persönliche Empfinden etwas in den Hintergrund stellen. Die unterschiedlichen Geschmacksqualitäten auf der Zunge sind da auch bei professionellen Weinbeschreibungen ein vergleichbarer Anhaltspunkt. Hier wird grundlegend unterschieden zwischen süß, sauer und bitter.

Ausspucken

Wie oben schon angedeutet: Ausspucken ist keine Schande und oftmals sogar notwendig. Wichtig ist hierbei nur, dass man nicht mit zu viel Übermut in die Schale spuckt und andere mit Spritzern seines Weines beglückt. Ansonsten gibt es hier nicht viel Magie: Ausspucken ist eben Ausspucken.

Abgang

Den Abgang eines Weines kann man auch gut bestimmen, ohne ihn wirklich zu trinken. Denn hierbei geht es mehr darum, wie lange der Wein seine Aromen noch auf der Zunge lässt oder was er vielleicht noch an ganz neuen Komponenten zeigt, obwohl er sich selbst schon in die Spuckschale verabschiedet hat. Nicht jeder Wein hat einen extrem bleibenden Abgang, aber auch nicht jeder Wein möchte das überhaupt. Gerade frische und leichte Sommerweine verbleiben eher nur einen kurzen Moment auf der Zunge. Dies hat auch Vorteile: So kann man sich schneller auf den nächsten Schluck vorbereiten und muss nicht so lange mit schweren Aromen kämpfen.

Harmonie

Wichtig ist insgesamt, dass die einzelnen Komponenten miteinander harmonieren. Ein sehr saurer Wein kann unglaublich frisch und anregend sein, wenn die Säure gut durch einen hohen Zuckeranteil, also viel Süße, gepuffert ist.

Und wir können es nicht oft genug sagen: Ob man am Ende einen Wein als gut oder gelungen bezeichnet, hängt von den eigenen Empfindungen und Vorlieben ab. Doch auch hier muss jeder erst einmal seinen eigenen Geschmack entwickeln. Dies muss nicht jedes Mal durch ein ausführliches Tasting geschehen, denn in erster Linie soll Wein schließlich Spaß machen. Doch ab und an die Sinne ein wenig zu schärfen, lässt uns auch ganz neue Dimensionen entdecken. Und das gilt nicht nur für Wein.

Und welche Weine nimmt man nun für eine Weinprobe? Grundsätzlich eignet sich jeder Wein dafür. Doch gerade wer seine Sinne etwas schärfen möchte, der sollte auf eher reinsortige Weine zurückgreifen, die ihre Rebsorte gut repräsentieren. Wir haben hier einmal sechs mögliche Kandidaten zusammengestellt, die sich gut für eure persönliche Probe eignen würden. Am besten probiert ihr die Weine auch in der angegebenen Reihenfolge, also von weiß nach rot und von leicht nach kräftig.

  1. Riesling Kabinett trocken Stadecker Lenchen
  2. Reicholzheimer Satzenberg Weißburgunder Spätlese trocken Alte Reben 2012
  3. Grenache Rosé – Pays d’Oc IGP Terroir Littoral 2014
  4. Georges Duboeuf Beaujolais Villages AOP 2014
  5. Nußdorfer Bischofskreuz Spätburgunder QbA trocken 2013/14
  6. Marchese Antinori – Chianti Classico DOCG Riserva    

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s