Auszeiten auskosten – Eine Genussreise zu den größten Teekulturen der Welt

Während der Andrang vor urbanen Kaffee-Bars mit schicken Holzmöbeln und bärtigen Baristas im Karohemd nicht abzureißen scheint, lehnt sich der weitaus ältere der zwei Heißgetränkebrüder – getreu seiner Natur – ganz entspannt zurück und beobachtet das rege Treiben. Ein wirklich guter Tee braucht weder Man-Bun noch Jute-Beutel, denn seine Selbstsicherheit entsteht aus rund 4.000 Jahren Lebenserfahrung. Geboren im alten China,  hat das aromatische Aufgussgetränk aus der Teepflanze, der Camellia sinensis, im Laufe der Zeit viele verschiedene Kulturen bereichert.

Und auch wenn jeder Tee – egal ob schwarz, grün oder weiß – aus Knospen, Blüten, Blättern und Stängel eben dieser Pflanze stammt, gibt es unzählige Sorten und Methoden zur Herstellung. Durch Zugabe von frischen Blüten wie zum Beispiel Jasmin werden Tees gerne aromatisiert, auch natürliche Aromen wie Zimt oder Vanille sind in der heißen Tasse sehr beliebt. Die gerade hierzulande weit verbreiteten  Früchtetees wie Kamille, Pfefferminze oder Hagebutte werden hingegen nicht aus der Teepflanze hergestellt und dürften eigentlich nicht als Tee bezeichnet werden. Doch so ein paar Trittbrettfahrer machen unserem alteingesessenen Getränk gar nichts.

Und bitte keine Vorurteile: Nur weil der Genuss von Tee schon ein paar Jährchen auf dem Buckel hat, ist er weder einschläfernd noch langweilig geworden. Die Zubereitung und Brühzeit ist hierbei immer entscheidend und hat nicht nur große Auswirkungen auf den Geschmack, auch die Wirkung ist dementsprechend. Daher steht Tee bezüglich seiner aufmunternden Wirkung seinem kleinen Bruder in nichts nach. Höchstens am hippen Image kann man etwas feilen. Hier konzentrieren wir uns jedoch lieber auf Fakten als Äußerlichkeiten und nehmen euch mit auf eine kleine Reise in fünf verschiedene Teeländer. Doch so unterschiedlich die bevorzugten Sorten und die verschiedenen Arten des Teegenusses sind, eines gemeinsam haben sie alle: Tee und Geselligkeit sind ganz eng miteinander verknüpft. Dafür braucht man keine schicken Holztresen oder ausgefallene Dekoration – gute Freunde reichen vollkommen. In diesem Sinne: Ein Hoch (der Tassen) auf die Freundschaft!

Deutschland/Ostfriesland

An der ostfriesischen Teetafel geht es lebhaft und gesellig zu. Auch wenn sich die Ohren an den gesprochenen Dialekt vielleicht gewöhnen müssen, für unseren Geschmackssinn brauchen wir keinen Übersetzer. Der typische Ostfriesentee kommt in einer kräftigen Mischung aus bis zu zehn verschiedenen Schwarzteesorten wie Assam, Ceylon und Darjeeling in die Tasse. Trotz aller Gastfreundlichkeit: Wenn es um ihren Tee geht, verstehen die Norddeutschen keinen Spaß. Als „Echter Ostfriesentee“ darf nur die Mischung bezeichnet werden, die auch wirklich vor Ort zusammengestellt wurde. Wenn dies erstmal geklärt ist, steht dem aromatischen Teeverzehr nichts mehr im Wege. Wer einen besonders guten Eindruck hinterlassen will, der achtet zusätzlich noch auf folgende Reihenfolge: Erst den Kandis-Brocken – den Kluntje – in die Tasse, dann etwa zur Hälfte den Tee darüber gießen, vorsichtig am Rand die Sahne hineinlaufen lassen und dann nur noch von der sich ausbreitenden weißen Wolke im dunklen Wasser verzaubern lassen.

_dsc1807

Großbritannien/England

Tea Time und England gehören seit eh und je zusammen? Weit gefehlt! Tee wurde in England erst im 17. Jahrhundert aus China eingeführt und zunächst einmal entdeckte der feine Hochadel diese kostspielige Köstlichkeit für sich. Ein wirkliches Ritual wurde der Teegenuss dann erst mit Beginn des 19. Jahrhunderts dank der Herzogin von Bedford, Anna Stanhope. Zu ihrer Zeit war es noch üblich, nur zwei Mahlzeiten einzunehmen, und zwischen Frühstück und Abendessen verspürte sie angeblich stets ein sogenanntes „Untergangsgefühl“. Ein nachmittäglicher Tee sowie ein paar süße oder herzhafte Happen sollten sie fortan besser über den Tag bringen. Der afternoon tea, der in der Regel zwischen 15 und 17 Uhr eingenommen wird, hat sich auch in Zeiten der Industrialisierung wenig verändert. Die Kleidung der teilnehmenden Personen hat sich vielleicht etwas gewandelt, doch die bevorzugten Teilnehmer in der Tasse sind immer noch kräftige Teesorten wie Assam oder Ceylon. Zu einer typischen Tasse Tee wird Milch und Zitrone gereicht. Hier ist erlaubt, was gefällt: Kräftige Tees werden durch Milch gemildert, ein sanfter Darjeeling profitiert von frischer Zitrone. Verpönt ist, beides zu kombinieren, da Säure die Milch gerinnen lässt. Zum Schluss bleibt nur noch die Frage: Milk in first oder Tea in first? Diese Diskussion teilt die Tee trinkende Gesellschaft in zwei Lager und bleibt bisher unbeantwortet. Die Queen allerdings gibt zuerst den Tee in die royale Tasse.

teatime_england_dsc1408

Türkei

Einige der größten Tee-Anbaugebiete der Welt liegen am Schwarzen Meer. Das Teetrinken ist fester Bestandteil der türkischen Kultur – wohl kaum ein Haushalt, in dem nicht ständig ein Semaver – der typische, dem Wasserkocher ähnliche Teezubereiter – auf dem Herd steht. Denn die Türken trinken ihren Cay nicht nur nach dem Essen, wie wir ihn hierzulande oft serviert bekommen, sondern den gesamten Tag über. Eine Tasse Tee zu trinken, ist keine spirituelle Zeremonie, wie oft in Asien der Fall, sondern ein Zeichen von Gastfreundschaft – und dies abzulehnen wäre eine Beleidigung. Das Praktische am Semaver ist, dass Wasser und Teekonzentrat getrennt zubereitet werden: Im oberen Teil wird eine große Menge an Teeblättern auf ein bisschen Wasser warm gehalten, um zusammen mit dem heißen Wasser aus dem unteren Teil im charakteristischen Glas (Tassen werden nicht verwendet) vermischt zu werden. Je nach Verhältnis ist der Tee kräftig oder mild. Milch oder andere Zusätze sind in der rotbraunen bis mahagonifarbenen Flüssigkeit tabu. Zucker jedoch ist ein Muss. Dieser wird jedoch nicht verrührt, sodass er für möglichst viele Aufgüsse ausreicht.

fotoliaturkischertee

China

Beim Gongfu Cha handelt es sich nicht um einen neuaufgelegten Hollywood-Kampfsport-Klassiker, sondern um die traditionelle chinesische Teezeremonie. Die japanische Teekultur hat ihre Wurzeln hier, im Mutterland des Tees, wurde jedoch im Laufe der Zeit immer weiter entwickelt. Die chinesische Zeremonie ist nicht so durchstrukturiert und perfektioniert wie die in Japan, dafür ist sie stärker in der Bevölkerung verankert – die sich jedoch je nach Region stark unterscheiden kann. Bei der recht verbreiteten Gonfu Cha-Zeremonie gibt es drei Aufgüsse. Häufig werden Oolong-Teeblätter dafür verwendet. Diese werden dann in der Kanne aufgegossen und sofort in die Trinkschalen der Gäste gegeben. Bei diesem „Aufguss des guten Geruchs“ geht es nur darum, die Blätter zu öffnen und die Bitterkeit zu mildern. Es ist eine sensorische Einstimmung. Beim zweiten Aufguss zieht der Tee rund 30 Sekunden in der Kanne und die Teeschalen werden schichtweise gefüllt, damit jeder die gleiche Qualität erhält. Nach diesem „Aufguss des guten Geschmacks“ erfolgen die „Aufgüsse der langen Freundschaft“. Jeder Aufguss hat ein anderes Aroma und ist der Tee von guter Qualität können diese bis zu 15 Mal wiederholt werden. Ein langanhaltender Genuss, der auch im übertragenen Sinn auch für eine lange Freundschaft steht.

Chinese dried tea leave and drink

Russland

Bekannt sind die Russen ja eigentlich eher für ein klares und alkoholstarkes Getränk, doch auch im Land der Schriftsteller und Zaren herrscht seit dem 18. Jahrhundert eine ausgeprägte Teekultur. Und da Tee bei den kalten russischen Wintern sowieso viel besser wärmt als Wodka (entgegen der landläufigen Meinung), findet sich in jedem Waggon der Transsibirischen Eisenbahn ein Behälter zum Tee aufbrühen. Traditionell wird der Tee in Russland jedoch im heimischen Wohnzimmer getrunken. Doch nicht nur wird dafür die beste Tischdecke und das üppig verzierte Porzellan herausgeholt, zusätzlich finden diverse Kräuter, frische oder getrocknete Beeren und „Warenije“, eine süße und meistens selbstgemachte Fruchtkonfitüre, ihren Weg auf den gedeckten Tisch. Ihren Tee, der hier, ähnlich wie in der Türkei, mit einem Samowar hergestellt wird, mögen die Russen gerne süß. Hierfür wird entweder Würfelzucker verwendet oder man lässt ihn im Mund über etwas Warenije laufen. Herzhafter geht es auf den Tellern zu, denn hier finden sich neben Obst auch Blinis oder Piroggen – hungrig verlässt in Russland niemand eine Teezeremonie. Bis diese ihr Ende findet, dauert es allerdings oftmals durchaus länger, denn zum Teetrinken lädt man hier nur Menschen ein, mit denen man sich gerne und ausgiebig unterhält!

Russian samovar with bagels and jam. Tea party outdoors. Retro

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s