Ostfriesischer Genuss – Deutschlands letzte Tee-Bastion

Ganz Deutschland wurde von hippen Kaffeekreationen besetzt. Ganz Deutschland? Nein! Eine von unbeugsamen Teetrinkern bevölkerte Region hört nicht auf, dem Bohnen-Eindringling Widerstand zu leisten. Und auch wenn diese Zeilen stark an den Anfang eines Asterix-Comics erinnern, so befindet sich die rebellierende Bevölkerung weitaus nördlicher als das kleine gallische Dorf. Denn egal wie hip Cappus, Frappus und Mocaccinos vielleicht in der letzten Zeit geworden sein mögen – hier in Ostfriesland regiert seit eh und je der Tee die Tassen. Seit die nahe gelegenen Niederländer Anfang des 18. Jahrhunderts als Erste in Europa die aromatischen Blätter aus Indien importierten, zelebrierte man im Nordwesten Deutschlands eine ausgeprägte Teekultur. Und die steht nicht nur in ihren Ritualen anderen Teenationen in nichts nach, auch bezüglich der Quantität liegt Ostfriesland ganz weit vorne: Rund dreieinhalb Kilo Tee verbraucht ein Ostfriese jährlich – das toppen im europäischen Vergleich angeblich nur noch die Iren.

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Zwölf Tassen Tee pro Tag

Doch wann trinkt der Ostfriese eigentlich seine durchschnittlich zwölf Tassen Tee? Die Gleichung dafür ist einfach: (1 + 1 + 1) x 4. Und das bedeutet für alle, die lieber genießen als rechnen: Viermal am Tag legen die Ostfriesen eine Teepause ein (morgens, gegen elf Uhr, am Nachmittag und abends) und bei jedem Tee-Genuss werden mindestens drei Tassen getrunken. Dieses sogenannte ‚Ostfriesenrecht’ ist dabei nicht diskutabel, lieber gießt man sich die Tasse nicht jedes Mal ganz voll.

Echter Ostfriesentee

Doch wer denkt, an Deutschlands Nordseeküste ginge es ausschließlich um Quantität, der unterschätzt die passionierten Ostfriesen gewaltig. Dies zeigt sich unter anderem in ihrer ganz besonderen “Ostfriesentee”-Mischung, die aus bis zu zwanzig verschiedenen Schwarzteesorten besteht. Vor allem Assam, Ceylon und Darjeeling finden sich darunter und werden in immer wieder neuem Verhältnis gemischt, um ein ganz besonderes Tee-Erlebnis in die Tasse zu zaubern. Und darauf sind sie – vollkommen zu Recht – stolz: Der wirklich „echte Ostfriesentee” muss daher direkt in Ostfriesland gemischt worden sein. Andere, ähnliche Tees werden oft als “ostfriesische Mischung” bezeichnet.

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Zeremonielle Trinkkultur

Und diese besondere Mischung kommt dann auch nicht einfach so in die geblümte Tasse. Denn nicht nur die Briten wissen, wie man eine richtige Tea Time zelebriert, auch die ostfriesische Teekultur verfügt über so einige Riten und Vorgehensweisen, die selbst im Rest von Deutschland nicht unbedingt bekannt sind. Los geht es schon, bevor der Tee überhaupt eingeschenkt wird. Ehe der erste dampfende Tropfen in die Tasse gelangt, wird in diese ein ‚Kluntje‘ gelegt. Der recht große Kandis-Brocken wird jedoch nicht per Hand, sondern mit einer so genannten ‚Kluntjezange‘ platziert. Ist dieser anfängliche Balanceakt überstanden, folgt der Tee, der ungefähr bis zur Hälfte eingegossen wird. Da der Ostfriesentee meist recht stark ist, gibt man auch immer etwas Milch oder Sahne dazu. Die wird mit Hilfe des ‚Rohmlempels‘ (Sahnelöffel) vorsichtig am Rand hinzugegeben. Jetzt bloß nicht umrühren, sondern einfach nur dem Schauspiel aus weißen ‚Wulkjes‘ in der Tasse folgen und – ganz einfach – genießen.

Nein heißt Löffel

Ein gut erzogener ostfriesischer Gastgeber wird die Teetasse immer wieder nachfüllen. Denn dreimal ist zwar Minimum, aber nach oben gibt es eigentlich keine Grenze. Wer also genug Tee genossen hat, der legt einfach seinen – bis dato noch unberührten – Teelöffel in die Tasse.

Teerebellen

Bei aller ostfriesischen Gemütlichkeit und äußerst herzlichen Gastlichkeit sollte man nicht unterschätzen, dass die Ostfriesen ein durchaus stures Völkchen sind. Zu spüren bekam das im 18. Jahrhundert Friedrich II., der versuchte, den extremen Tee-Konsum einzuschränken. Die Folge war ein aufblühender Teeschmuggel und – einige Jahre später – die Abschaffung dieses unsinnigen Verbotes. Selbst im zweiten Weltkrieg wurden in der Region, zusätzlich zu den Lebensmittelkarten, extra ‚Teekarten‘ ausgegeben, um die Bevölkerung bei Laune zu halten. Ja, niemand verbietet einem Ostfriesen seinen Tee!

Wer so viel und so häufig Tee genießt wie die Ostfriesen, der kann natürlich nicht ständig etwas Süßes dazu naschen. Doch die nachmittägliche Teetafel darf mit diversen Kuchen- und Süßspeisenkreationen auch durchaus mal etwas üppiger ausfallen. Ein Klassiker auf den nordischen Tischen: die Friesentorte. Am besten gleich selbst backen und eine schöne Kanne Tee aufsetzen

Friesentorte mit Pflaumenmus

Zutaten:

6 Platten TK-Blätterteig (alternativ: ein fertiger Friesen-Boden (290g))
etwas Mehl
30 g Zucker
400 g Schlagsahne
2 Päckchen Sahnesteif
2 Päckchen Vanillin-Zucker
150 g Pflaumenmus
2 EL Pflaumenwasser

  1. Die Blätterteigplatten auftauen lassen. Je drei Platten aufeinander legen und auf einer mit Mehl bestreuten Arbeitsplatte zu zwei 30×30 cm großen Quadraten ausrollen. Einige Minuten ruhen lassen. Mit Hilfe einer Backform jeweils einen Kreis mit 28 cm Durchmesser ausstechen und auf zwei mit Backpapier belegte Bleche legen.
  2. Mit einer Gabel mehrfach einstechen. Einen Boden mit etwas Wasser bestreichen und mit Zucker bestreuen. Den Boden in rund 12 Stücke schneiden. Beide Böden im vorgeheizten Ofen 12-15 Minuten backen (200 °C, Umluft 175 °C). Anschließend auskühlen lassen.
  3. Währenddessen die Sahne mit Sahnesteif und Vanillin-Zucker steif schlagen. Pflaumenmus mit Pflaumenwasser glatt rühren und auf den ungezuckerten Boden streichen. Die Sahne darauf verteilen. Die Tortenstücke schräg darauf legen und noch einmal rund eine Stunde kaltstellen.

 

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